1892: Turnverein Reichenhain (TVR)
Erstellt: 05.05.09
Aktualisiert: 17.05.09
Herr Walter Großer
Dieser Artikel konnte Dank der Erinnerungen unseres Vereinsmitglieders Herrn Walter Großer, ehemaliger Lehrer an der Reichenhainer Schule, der seine privaten Niederschriften zur Verfügung gestellt hat, entstehen:

Der organisierte Sport wurde in Reichenhain schon vor Ende des 19. Jahrhunderts gepflegt, die älteste Gemeinschaft ist der Turnverein. Die Reichenhainer Sportler folgten dem Wirken des Chemnitzer "Turnvaters", des legendären Stadt-Turndirektors Moritz Zettler (1835-1903), der die Turn- und Sportbewegung in der aufstrebenden Industriestadt begründete mit dem Ziel, gemeinschaftlich Sport zu treiben als Ausgleich für harte Arbeit, zur Gesunderhaltung und aus Lebensfreude.

Das bezweckten auch die Reichenhainer und gründeten ebenfalls ihre Gemeinschaft. Treffpunkt über die Jahre war als Vereinslokal "Vogels Restaurant" in der Gornauer Straße. Dort, auf der kleinen Anhöhe hinter dem Gasthof, befand sich ein Sport- und Spielplatz, auf dem trainiert wurde - "geübt", wie die Sprachregelung in der damaligen Zeit lautete.

Im Jahr 1892 stellte dann der Turnverein einen Antrag auf Baugenehmigung für eine Turnhalle am Platz, die auch bald darauf gebaut wurde. In heutiger Zeit gehört das Grundstück zur Firma Weißbach-Metallbau GmbH, zwischenzeitlich wurde eine Lehrschmiede betrieben.

Der Verein hatte drei Sektionen - Leichtathletik, Turnen und Fußball. Die besten Trainingsmöglichkeiten hatten dabei die Turner, die eine starke Wettkampfriege bildeten und im Kreis manchen Wettbewerb gewannen. Für die Leichtathleten und Fußballer wurde der Platz hinter "Vogels Restaurant" bald zu klein, und so beschloß man in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, sich einen eigenen Platz anzulegen. Der Verein kaufte Land in der Nähe des ehemaligen "Schwarzen Weges" zwischen Mittagleite und Bernsdorfer Straße (Das Bild zeigt den früheren Sportplatz (rechts von der Mittagleite ungefähr vor dem Poststadion) anläßlich eines Kinder- und Sportfestes 1933). So wie die Sportfreunde im Training und in den Wettkämpfen zusammenstanden, gingen sie mit Feuereifer an die Arbeit und richtete sich den Vereins-eigenen Sportplatz mit einer 100-m-Laufbahn, zwei Sprunggruben und einem wettkampftauglichen Fußballplatz her. In jener Zeit waren als Vorstand langjährig aktiv tätig: Vereinsvorsitzender Adalbert Liebchen, Stellvertreter Paul Lohse, als Turnwart Max Richter und Max Großer als Schriftführer.

Bald konnten sich die Reichenhainer Sportler in Wettkämpfen nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft, bei befreundeten Vereinen messen, sondern sie beteiligten sich auch an überregionalen Sportereignissen wie bei den Bergfesten und Wettkämpfen in Augustusburg, beim Waldsportfest am Adelsbergturm oder auch beim Pfaffenbergsportfest bei Hohenstein-Ernstthal.

Auf heimischem Platz fand als Höhepunkt des Sportjahres traditionell das Reichenhainer Turnfest statt, an dem der ganze Ort Anteil nahm und es neben den Wettkämpfen zu einem wahren Volksfest werden ließ. Einen Löwenanteil daran hatte die Schalmeienkapelle des Turnvereins, die unter der Leitung von Ewald Uhlig für die rechte Stimmung sorgte.

Berühmt war auch der jährliche Treff am Schusterberg am 2. Pfingstfeiertag. Hier kamen nicht nur die Reichenhainer Familien zur fröhlichen Runde zusammen. Gäste aus Erfenschlag, Einsiedel, Harthau und sonstwoher waren immer willkommen. Mit dem Pferdefuhrwerk wurden Tische, Stühle, Imbiß und Getränke hinaus gefahren. Die Frauen der Vereinsmitglieder besorgten mit Umsicht und Ideenreichtum eine deftige Verpflegung, nur den Bierausschank, den gaben die Männer nicht aus der Hand. Die Schalmeienkapelle bestritt eifrig das "Kulturprogramm". Gern wurde auch das Tanzbein geschwungen, sozusagen als "Ergänzungs-Training". Man feierte bei Kostümbällen und Tanzveranstaltungen in den "Neuen Schenken" oder im großen Saal der Bahnhofsgaststätte "Barbarina". Die Kinder freuten sich jedes Jahr auf die Weihnachtsfeier im Advent, wo sie selbst an einem Märchenspiel mitwirkten, das oft der Vereinsvorsitzende Adalbert Liebchen verfaßt und einstudiert hatte. Natürlich brachte der Nikolaus dann auch noch zur Freude der Jüngsten kleine Geschenke.