1945: Schwere Zerstörung im Februar und März 1945
Erstellt: 16.02.10
Aktualisiert: 16.02.10
Dr. Lothar Heinisch
Dr. Lothar Heinisch berichtet über den Bombenangriff im Februar und März 1945

(der Auszug aus seinem Brief vom 6.1.2007 an den Heimatverein soll uns Erinnerung und Mahnung sein)   


Mein Vater, Alfred Heinisch, war von 1937 bis 1946 Pfarrer in Reichenhain (als Nachfolger von Pfarrer Fehlberg)
Ich bin 1934 geboren und habe in dem schönen alten Pfarrhaus sowie dem großen Pfarrgarten meine schönsten Kinderjahre verbracht, die jäh durch die Bombenangriffe abgebrochen wurden.
Mein Vater stand der Landeskirchlichen Gemeinschaft und der Bekennenden Kirche nahe. Er wurde für Äußerungen in einer Predigt über Christus als unseren alleinigen Herrn und Führer unseres Lebens von der Gestapo mehrmals verhört (offenbar auf die Anzeige eines Gemeindemitgliedes hin, die damit den Führer Adolf Hitler diskreditiert sah). Er musste dafür 1000 M Geldstrafe zahlen.

Zu den Bombenangriffen möchte ich folgendes anmerken:
Das Pfarrhaus in Reichenhain wurde am 14.2.1945 gegen Mittag von einer 10 Zentner – Bombe getroffen.
Bei der Explosion stürzte der Eingangsbereich des Hauses mit dem darunter liegenden Keller ein. Im Keller befanden sich meine Mutter mit mir und meinen 2 älteren Schwestern Marianne und Ruth, die Angestellte des Pfarrbüros sowie einige Leute aus der Nachbarschaft, die zu uns kamen, da der Keller wegen seines dicken Kreuzgewölbes von den Behörden als besonders sicher eingeschätzt wurde. Aus der Nachbarschaft (z.T. aus dem weißen Schloß) kamen nach Kenntnis meiner Schwester Marianne eine Frau mit 2 kleinen Kindern (ca. 1 und 2 Jahre alt), ein etwa 14-jähriger Junge (Wolfgang Weigel?) sowie Frau Bachmann mit ihren 2 Töchtern (evtl. auch noch andere). Bei der Explosion kamen 3 Menschen aus der Nachbarschaft ums Leben, und zwar die beiden kleinen Kinder sowie die Frau Bachmann (35 Jahre alt), also nicht wie an anderen Stellen angegeben 5 Menschen.
Frau Bachmann traf erst kurz vor der Explosion im Keller ein, ich sehe sie noch vor mir, wie sie sagte: „Gerade habe ich es noch geschafft“.   -   Ich selbst wurde verschüttet und konnte von unserem Nachbarn, Herrn Höppner, unter Lebensgefahr ausgegraben werden, während noch ein großer lockerer Mauerteil über uns hing.
Kurz nach meiner Rettung kamen noch 2 weitere Angriffswellen, wobei mehrere sogenannte Phosphorkanister und Stabbrandbomben auf den Pfarrgarten niedergingen, z.T. mit hohen Stichflammen.
Mein Vater war zu dieser Zeit gerade in Adelsberg, wo er zusätzlich die Vertretung der dortigen Pfarrstelle übernommen hatte.
Am Abend kam dann noch ein schwerer Angriff, bei dem wir im Keller der Familie Rätzer/Damm (der ehemaligen Poststelle) Zuflucht fanden. Es war für mich entsetzlich, wie rechts und links schwere Einschläge erfolgten, besonders nach den Erlebnissen dieses Tages.
Das Pfarrhaus war nach dem 14. 2. noch erhalten, nur die Eingangsfront war bis zur 1.Etage zerstört, und es gab Hoffnung, das Gebäude wieder zu sanieren. Mein Vater hatte bereits das Pfarrbüro wieder notdürftig eingerichtet, als dann am Abend des 5. März erneut Bomben einschlugen und das Haus völlig abbrannte.
Mein Vater konnte noch unter Lebensgefahr die Kirchenbücher retten, während neben ihm brennende Balken herab fielen. Dann konnte er zusammen mit einigen Nachbarn die ebenfalls getroffene Kirche retten, indem sie eingeschlagene Stabbrandbomben aus dem Gebäude warfen und beginnende Brände löschten.
Meine Mutter war mit uns Geschwistern bereits seit dem 20. 2. bei Bekannten in Dorfchemnitz untergekommen. Nach dem schweren Angriff am 5. März ging mein Vater noch zu Fuß etwa 20 km bis nach Dorfchemnitz, wo er am nächsten  Morgen völlig verrußt und entkräftet bei Frau und Kindern ankam.